Mittwoch, September 20, 2006

"Emma I" (die kühne) Teil 3

Eines Tages im Frühjahr 1963 stach von Wilhelmshaven aus wieder einmal ein grauer Flottenverband, in See.

„Emma I“ (die kühne) saß wie gewohnt im Topp des Führerschiffes direkt über dem Stander des Geschwaderchefs und begleitete die stolzen Schiffe als gefiedertes Maskottchen hinaus auf die „Spielwiesewestlich von Helgoland zum ersten Schießabschnitt im Jahr.

Auf der „Hamburg“, so nannte sich das Schiff unter ihr, bereiteten sich die Männer geschäftig auf das Anschießen der neuen Artilleriewaffen vor. Allesamt trugen gar seltsam anmutende Kampfbekleidung und Stahlhelme als sie nach dem schrillen Klingeln der Alarmglocke auf die Gefechtsstationen rannten.

Knatternd kam schon kurz darauf aus Richtung Osten, von der Insel Helgoland her, das Zieldarstellungsflugzeug angeflogen.

Kaum war die Leine mit dem Schleppsack daran auf die richtige Länge gesteckt, da wechselte Emma auch schon von ihrem Beobachtungsplatz auf der Mastspitze der „Hamburg“ hinüber auf das vom Flugzeug geschleppte rote Zieldarstellungsmittel. Neugierig beobachtete sie anfangs die erneuten Versuche der schießenden Einheiten, den Schleppsack zu treffen.

Aber es war wie immer. Die Geschosse verpufften allesamt weit entfernt vom Ziel, irgendwo im blauen Himmel über der Nordsee, ohne Schaden anzurichten. Da sich die Schießkünste der Soldaten unten auf den grauen Schiffen seit dem letzten Mal scheinbar nicht oder nur unwesentlich verbessert hatten, und keine einzige Granate auch nur in die Nähe des Luftsackes, auf dem sie saß, geflogen kam, war die Möwe schon nach kurzer Zeit vor Langeweile eingenickt.

Sie träumte gerade so schön von Hein Senkblei dem Smutje der Schulfregatte Brommy, der ihr sicher am Abend bei der Ankerfete wieder ein paar von den leckeren Matjesfilets zuwerfen würde und…

„Wwummpfaahh“, „wwummpfaahh“, „wwummpfaahh“, dreimal nacheinander. Das wiederholte fürchterliche und ohrenbetäubender Knallen riss Emma aus ihrem Traum.

Die „Hamburg“, der erste Neubauzerstörer der Bundesmarine hatte seine erste Salve gefeuert.

Zu spät. Es blieb keine Zeit um zu reagieren. Mit lautem Fauchen zischte das erste Projektil heran und fuhr Emma gleich einem feurigen Blitz durchs Federkleid im achteren Körperbereich. Der Schreck lähmte die Möwe so sehr, dass sie vergaß sich festzuhalten. Sie verlor die Besinnung und stützte vom Luftsack, mehr als dreihundert Meter tief hinunter in die noch eisige See.

Als Emma ihren Schock überwunden hatte und zu sich kam, lag sie auf der Schanz des neuen Schiffes.

Mit dem Kutter hatte die Zerstörerbesatzung die bewusstlose Möwe vor dem Ertrinken gerettet und an Bord genommen wo sie der Sanitätsmeister reanimiert hatte.

Neben Emma lag, total zerfleddert, die Federn versengt, blutig und leblos, so als wäre er aufgebahrt, ihr einst so stolzer Achtersteven.

Nachdem die Schwerverletzte im Krankenrevier des Zerstörers verarztet worden war und nachdem ihr der Oberstabsarzt offenbarte, dass sie nie wieder fliegen könne, erhielt Emma noch eine eingehende Belehrung durch den ersten Artilleriewaffenmeister über die neuen, rechnergesteuerten vollautomatischen Rohrwaffensysteme der „Hamburg-Klasse-Zerstörer“.

Als man der Möwe eine Grafik zeigte, auf welcher Reichweite, Zielgenauigkeit, Kadenz und Durchschlagkraft der neuen Artilleriewaffen dargestellt war, fiel sie erneut in Ohnmacht.

wird fortgesetzt

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